Arbeitsproben Ausland
Anfang Dezember 2010 war ich für die Rheinische Post in Irland. Anlass war die Finanzkrise und die Verabschiedung des irischen Haushalts. Vor Ort habe ich mit Wirtschaftsexperten, Politikern und Gewerkschaftern gesprochen. Außerdem traf ich radikale Regierungsgegner. Besonders beeindruckt hat mich das Gespräch mit dem irischen Schriftsteller und Intellektuellen Colm Toibin, der mir bei einem Rundgang die Stadt näher brachte.

Die Geschichte über die Proteste wurde hier auf rp-online veröffentlicht. Das dazu gehörige, von mir gedrehte Flip-Video sehen Sie hier. 
Meine Irland-Reportage "Das kalte Herz der Stadt":
An den Bauzäunen im "neuen Dublin" hängen große Werbeplakate: „Living in the heart of the city”. Doch hinter dem Bretterverschlag ist nichts zu sehen außer Unkraut und Schutt. Leere Bürogebäude stehen neben unfertigen Bauruinen. Der S-Bahnhof in dem Viertel ist menschenleer. Das neue „Herz der Stadt“ – es hat wegen der irischen Immobilienkrise nie begonnen zu schlagen. Der Schriftsteller Colm Toibin kommt regelmäßig an diesen Ort am Hafen, Dublin ist seine Heimatstadt. Toibin will wissen, wie es weitergeht mit dem Stadtteil, mit dem so viel Hoffnung verbunden war. Der 55-Jährige hat Dublin wachsen sehen, das war in den Boomjahren Ende der 90er Jahre. Damals wurde der Hafen komplett umgestaltet: Fabriken und Lagerhäuser wurden abgerissen oder aufwendig umgebaut. Ein Finanzzentrum entstand, mit vielen Bürogebäuden und schicken Eigentumswohnungen. Die „Docklands“ wurden zum neuen In-Viertel von Dublin. Immer weiter wurde investiert, immer mehr Fläche als Bauland ausgewiesen. Auch abseits der Docks wurden Bürogebäude errichtet, diese Häuser sind für Colm Tobin heute ein Mahnmal für die Vermessenheit der Banker und Investoren. „Die Hoffnung auf schnellen Gewinn hat alle blind gemacht“, meint der Schriftsteller. Blind dafür, dass die Anzahl der Gebäude den Bedarf schon damals weit überstieg. Heute ist offensichtlich, was damals niemand wahrhaben wollte: Mit grellen Werbeplakaten und riesigen bunten Stoffbannern versuchen Immobilienmakler, für die leer stehenden Räume Mieter zu finden.
Colm Toibin hat an diesem Morgen ein ganz bestimmtes Ziel: den Rohbau der Anglo Irish Bank, ein großer Klotz aus grauem Beton direkt am Wasser. Die neue Zentrale der Bank sollte es werden, doch als das Geldhaus in die Pleite schlitterte, wurde das Projekt eingestellt. Die Baukräne stehen noch, aber im Vorbeigehen ist deutlich zu sehen, wie Wasser und Frost dem Bau zugesetzt haben. Für den Schriftsteller ist die Bauruine das Symbol für die Finanzkrise. Denn die Anglo Irish Bank war das erste Geldhaus, das in Irland verstaatlicht werden musste. Das war bereits im Januar 2009. Jetzt, fast zwei Jahre später, steht Colm Toibin vor dem unfertigen Neubau und erkennt darin ein Gleichnis für das Scheitern der Bank. Schuld sieht er aber nicht nur bei den Kreditgebern. „Ganz Irland hat nach den vielen mageren Jahren an den wirtschaftlichen Erfolg geglaubt“, sagt der Autor. Skeptiker habe niemand anhören wollen. „Die Leute sind lieber zur Bank gegangen, um sich gleich mehrere Häuser oder Eigentumswohnungen zu kaufen“, erzählt Toibin. Jeder habe damals Spekulant sein dürfen. Als die Immobilienblase platzte, kam die Krise. Seit 2008 sind die Immobilienpreise um die Hälfte gefallen. Und das in einem Land, wo die Quote der Eigenheimbesitzer bei rund 85 Prozent liegt.

„Es gab einen unbändigen Wachstumsglauben in den irischen Boomjahren ab 1990“, sagt Alan Barrett, Chefökonom des Dubliner Wirtschaftsinstituts ESRI. Es sei ohne Hemmungen investiert worden, unterstützt durch staatliche Steuervorteile. Das Ergebnis dieses Baubooms kann der Wirtschaftsexperte täglich beobachten: Von seinem Büro aus hat er einen direkten Blick auf die umstehenden Gebäude – alle stehen leer. Dieser Leerstand ist das offensichtlichste Zeichen der Krise, er lässt sich an jeder Straßenecke von Dublin beobachten. Weitere Folgen der Krise werden die Iren bald in ihren Portemonnaies spüren: die Regierung plant allein für 2011 Einsparungen in Höhe von sechs Milliarden Euro. Gekürzt wird vor allem bei Sozialleistungen, außerdem werden Steuern erhöht und Gehälter im öffentlichen Dienst verringert. „Es kann doch nicht sein, dass wir nun für eine Krise bezahlen müssen, die wir nicht verursacht haben“, sagt Deidre Gubbins. Die fünffache Mutter gehört zu denen, die gegen die Haushaltskürzungen protestiert haben und spricht aus, was viele Iren denken: dass Banker und Politiker ihr eigenes Scheitern auf dem Rücken der Bürger austragen.
Doch es sind nur wenige Menschen in der vergangenen Woche auf die Straße gegangen wie Deidre Gubbins. Und wenn, dann waren es meist entweder Anhänger der extremen Linken, den Sozialisten, oder des rechten Flügels, der nationalistischen Partei Sinn Fein. Und es waren diejenigen, die durch die Krise bereits selbst betroffen sind. Zum Beispiel Kevin Hallbridge. Seinen Job hat der 44-Jährige verloren, sein Haus kann er wegen des Preisverfalls nicht mehr verkaufen. „Ich sitze in der Falle“, sagt Hallbridge. Oder David Morrissey, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält, mit seiner Kreditkarte immer am Limit ist und einfach seinen Frust über die irische Regierung loswerden will. Gemeinsam sind sie marschiert, unter dem Schlachtruf „When you say cutbacks, we say fight back“. Sie wollen kämpfen gegen das Sparpaket der Regierung, doch der Protest bleibt zahm. In Griechenland wurden angesichts drastischer Haushaltseinschnitte Autos angezündet und Steine auf Banken geworfen. Die irischen Protestler entfachen unter großem Jubel ein kleines rotes Leuchtfeuer. Ein Mann schaffte es in der vergangenen Woche in die Schlagzeilen der irischen Tageszeitungen, weil er Tennisbälle auf den Wachdienst des Parlaments geworfen hatte.
Der Frust, den viele Iren über die Regierung, die Banken und die EU spüren, ist ein Ärger, der bei den meisten Iren privat bleibt. Es wird geschimpft – im Bus, in Geschäften, im Pub – langanhaltende Proteste oder gar Streiks gibt es aber nicht. So bleibt auch unwidersprochen, dass mitten im Finanzdistrikt ein beschaulicher Weihnachtsmarkt steht: Vor den verspiegelten Glasfassaden, hinter denen sich leere Büros verbergen, können Spaziergänger Adventsmusik lauschen und Brezeln essen. Es sind aber gar keine Spaziergänger da – das „neue Dublin“, es liegt brach. Ein paar einsame Banker schlürfen Kaffee, im Hintergrund „White Christmas“. Und Colm Toibin, der Schriftsteller, kehrt zurück in die „alte“ Stadt, die überfüllt ist mit Menschen, die ihre Weihnachtseinkäufe auf den letzten Drücker erledigen. „Verfall inspiriert nicht“, sagt der Autor. Dennoch wird er wiederkommen. Um zu sehen, ob das neue „Heart of Dublin“ vielleicht doch noch einmal beginnt zu schlagen.
In der Rheinischen Post erschien der Artikel am 16. Dezember.
